Monthly Archive for Oktober, 2009

Palm Pre im Praxistest (1) – Das iPhone bekommt Konkurrenz

Der Palm Pre bei O2

Der Palm Pre ist nun auch in Deutschland angekommen: Vier Monate nach dem Verkaufsstart in den USA bringt O2 das mit Vorschusslorbeeren bedachte Surf-Handy von Palm für 481 Euro die Läden. Die UMTS-Version des Pre kann auch ohne einen O2-Vertrag erworben werden. Da die deutsche felefonica-Tochter auf eine Netzsperre, also einen Netlock oder SIM-Lock verzichtet, kann das handliche Smartphone aber auch problemlos in den Netzen von T-Mobile, Vodafone oder E-Plus betrieben werden.

In manchen O2-Shops bestehen die Verkäufer darauf, dass die Kunden einen Ratenzahlungsvertrag “MyHandy” abschließen, der aus einem Euro Anzahlung und 24 Raten á 20 Euro besteht. Wem das zu lästig kann, kann aber auch darauf bestehen, das gerät ohne weitere Verpflichtung mit einer Einmalzahlung von 481 Euro nach Hause mitzunehmen.

Wie auf dieser Site mehrfach erläutert, wurde für den Palm Pre mit WebOS ein völlig neues Handy-Betriebssystem entwickelt. Damit ist der Pre im Gegensatz zum iPhone von Apple auch in der Lage, mehrere Anwendungen parallel laufen zu lassen. Dieses “Multitasking” erweist sich im alltäglichen Umgang als sehr praktisch – beispielsweise wenn der Nutzer während eines Telefonats in seinen Online-Kalender schauen möchte.

Punkte sammelt der Palm Pre auch mit “Synergy”. Mit dieser Funktion werden Kontaktinformationen aus einem lokal vorhandenen Adressbuch mit sozialen Netzwerken abgeglichen. Dabei wird für eine Person nur ein Eintrag angelegt. Auch im digitalen Kalender des Pre können unterschiedliche Datenquellen zusammengeführt werden, etwa die Bürotermine aus Microsoft Exhange und private Verabredungen, die in einem Google Kalender eingetragen sind.

Palm Pre mit Tastatur

Vom iPhone setzt sich der Palm Pre auch mit einer Qwertz-Tastatur ab. Sie erscheint, wenn man den Bildschirm des Smartphones nach oben schiebt. Die knubbeligen Tasten sind gewölbt und haben genügend Abstand, um sie nach einer kurzen Eingewöhnungsphase zielgenau mit Daumen oder Zeigefinger zu treffen. Das Display des Palm Pre besitzt wie das iPhone eine Auflösung von 320 mal 480 Pixel, auch wenn der Bildschirm kleiner ist.

Wie Apple hat Palm sich Webkit als technische Grundlage für den Webbrowser auf dem Smartphone ausgesucht. Und da der Palm Pre wie das iPhone eine Bedienung mit zwei Fingern zum Navigieren und Zoomen unterstützt, fällt das Surferlebnis bei beiden Geräten sehr ähnlich aus. Allerdings setzt Palm noch eine veraltete Version des Webkits ein, so dass beim Acid3-Test der Pre grandios scheitert, während der Safari-Browser mit 100 von 100 möglichjen Punkten eine optimale Bewertung bekommt. Mit dem Acid3-Test (Definition in Wikipedia) wird überprüft, ob ein Browser sich zu den Standards des World Wide Web Consortiums (W3C) konform verhält.

Es ist wahrscheinlich kein Zufall, dass Apple und Palm sich für die gleiche technische Grundlage beim mobilen Browsing entschieden haben. Hinter dem Palm-System WebOS steht nämlich der ehemalige Apple-Manager Jon Rubinstein. Der heute 53 Jahre alte Informatiker hatte Apple Ende der 90er Jahre an der Seite von Steve Jobs mit dem iMac vor dem Totalabsturz bewahrt. Bis zum Jahr 2006 verantwortete er dann das iPod-Geschäft.

Eigentlich wollte Rubinstein sich dann als Edelpensionär aus dem Business zurückziehen und zumindest eine Zeitlang sein Leben geniessen. Doch schon wenige Monate nach seinem Ausscheiden bei Apple fragten der damalige Palm-CEO Ed Colligan und eine Gruppe von Investoren an, ob Rubinstein nicht eine zentrale Rolle bei der Erneuerung von Palm einnehmen wolle. Der Damals 51 Jahre alte Informatiler nahm die Herausforderung an und leitete das Team, das den Palm Pre und das neue WebOS entwickelte. Verkürzt könnte man sagen, dass der Vater des iPod nun dem iPhone Konkurrenz machen möchte.

In diesem Video erzählt Jon Rubinstein noch einmal ausführlich, wie er damals von den Palm-Verantwortlichen angeworben wurde.

Die Apple-Vergangenheit von Rubinstein kann man aber auch bei Palm in manchen Punkten wiedererkennen. So legt er großen Wert darauf, seinen Kunden ein absolut perfektes Erlebnis mit dem Produkt zu gewährleisten. Daher hat Palm nicht nur Hard- und Software sorgfältig aufeinander abgestimmt, sondern kontrolliert auch scheinbar Kleinigkeiten. Das fängt bei der Verpackung des Pre, dessen “Unboxing” einfach Spaß macht bis hin zu den Verkaufstellen, in denen möglichst gut geschulte Verkäufer arbeiten sollen, die das Smartphone im Detail kennen.

Es gibt aber auch Punkte, in denen sich Rubinstein bewusst von seiner Apple-Vergangenheit absetzt. Neue Wege geht Palm beispielsweise bei der Steuerung des WebOS auf dem Pre. Mit verschiedenen Gesten – das sind Wischbewegungen auf dem Display – können die wichtigsten Funktionen des Palm Pre aufgerufen werden. Das erfordert ein wenig Übung und auch hin und wieder einen Blick in die Bedienungsanleitung. Aber nach einigen Tagen gehen diese Gesten ohne großes Nachdenken von der Hand. “Wenn man sich an diese Gesten gewöhnt hat, möchte man doch zum iPhone nicht wieder zurück”, sagte mir Rubinstein in einem Interview, der in dieser Frage natürlich nicht neutral ist.

Weiterlesen beim zweiten Teil des Praxistests:
Der Palm Pre im Praxistest (2) – iTunes und der Palm Pre – Palm, iTunes, Rubinstein, iPhone, Version, Deutschland, Apple, Gesten – webOSworld.

Der Palm Pre im Praxistest (2) – iTunes und der Palm Pre

Palm Pre oder iPod?

Palm Pre oder iPod?

Schlagzeilen produzierte in den vergangenen Wochen ein Kleinkrieg zwischen Apple und Palm um die Nutzung der Apple-Software iTunes durch den Palm Pre. Apple hat iTunes so programmiert, dass eigentlich nur Geräte aus dem eigenen Haus, also iPod-Player oder iPhone-Handys, damit synchronisiert werden können. Palm unterlief dies mit einem “Hack”, der den Pre gegenüber iTunes wie ein iPod aussehen ließ.

Die in Deutschland mit dem Palm ausgelieferte Version WebOS 1.1.3 kann mit der aktuellen iTunes-Version 9.01 bereits nicht mehr synchronisieren. In den USA gibt es aber schon die Version 1.2.1, mit der Palm iTunes wieder täuschen kann.

Palm-Chef Rubinstein hält die iTunes-Diskussion ohnehin für abwegig: “Die Debatte um iTunes und Palm hat die Medien viel mehr beschäftigt als uns”, sagte ermir in einem Interview. Es gebe ohnehin mehrere Wege, den Pre mit Multimedia-Inhalten zu bestücken. Zum einen könne der Anwender einfach per Drag&Drop die Medien-Dateien auf den Palm Pre kopieren.

Der Palm Pre kommuniziert mit iTunes 8.2

Schließt man das Smartphone mit einem USB-Kabel an einen PC oder Mac an, erscheint der Pre wie eine externe Festplatte auf dem Desktop bzw. in der Arbeitsumgebung. “Wir haben sehr viel Mühe darauf verwendet, dass die Medientypen einfach erkannt werden und es keine Rolle spielt, in welchen Ordner man die dateien kopiert hat”, sagt Rubinstein.

Neben Drag&Drop könne der Pre-Anwender auch Sync-Programme wie DoubleTwist, Missing Sync von mark/space oder iTunes verwenden. (Anwender in Deutschland sollten derzeit die Version 8.2 von iTunes verwenden.) „Letztlich wird aber alles in der Internet-Wolke landen, für die ich dann überhaupt keine speziellen Programme auf dem PC mehr benötige.“

Schwach sieht der Palm Pre noch bei den Anwendungen aus, die bislang für WebOS und den Pre zur Verfügung stehen. Der “iTunes App Store” von Apple für das iPhone und den iPod touch platzt aus allen Nähten und bietet auch unendlich viele Anwendungen aus Deutschland – im “Palm App Catalog” stehen derzeit nur 200 Handy-Programme, die fast alle aus den USA stammen. So fehlt beispielsweise eine echte Navigationslösung, wie sie TomTom oder Navigon für das iPhone anbieten. “Wir sind zunächst mit einigen ausgewählten Entwicklern gestartet”, erläutert Rubinstein. Inzwischen sei das Paket zur Entwicklung von WebOS-Programmen aber mehr als 10 000 Mal heruntergeladen worden, so dass demnächst viel mehr Apps für den Palm Pre zu erwarten seien.

Foto-Gallerie – Die Anwendungen auf dem Palm Pre:

(Auf Vorschaubilder klicken, um größeres Bild zu sehen.)

Die noch schmächtige Ausstattung des App Catalog ist auch der Hauptkritikpunkt in den aktuellen Rezensionen, die in den vergangenen Tagen erschienen sind. Sonst bekommt Rubinsteins Smartphone durchweg gute Noten: Michael Spehr, der Technikexperte der “Frankfurter Allgemeinen Zeitung” sieht im Pre sogar “ein neues Zugpferd an der Spitze des Fortschritts”. Der Palm Pre sei “ein erstes, sehr erfolgversprechendes Gerät für ein hervorragendes neues Betriebssystem, das weitaus besser gefällt als Symbian von Nokia oder Windows Mobile”.

Dirk Liedtke vom “Stern” sieht im Palm Pre ein “Schmuckstück für iPhone-Verweigerer”. Wie einst der Palm Pilot helfe der Palm Pre, den Alltag unterwegs online zu organisieren. Der Webzugang sei komfortabel, E-Mail-Konten lassen sich abfragen und Kalenderdaten mit dem PC abgleichen. “Zugegeben, das können viele Smartphones, aber der Pre ist ein besonders harmonisches Gesamtkunstwert aus schicken Design und guter Software”, urteilt Liedtke.

Die Fachzeitschrift “c’t” zieht das Fazit, der Palm Pre könne “in vielen, aber nicht allen Disziplinen mit dem iPhone mithalten” und bemängelt “kleine Unstimmigkeiten”. Die offene Architektur lasse auf Zusatzfunktionen und die Unterstützung weiterer Online-Dienste hoffen, “doch das müssen Palm und die Anwendungsentwickler erstmal einlösen. «Bis dahin bekommt man ein vergleichsweise günstiges Smartphone mit einem mächtigen Betriebssystem, das nicht an teure Spezialverträge gebunden ist.”

Auch Matthias Kremp von “Spiegel Online” hofft auf zusätzliche Anwendungen für den Pre. Dieser Mangel werde auch nicht durch einen Emulator ausgeglichen, mit dem man Programme für das alte Palm OS auf dem Pre zum Laufen bekomme. Sein Urteil zu dem neuen Smartphone: “Es bricht mit Traditionen, ist einmalig. So wie das iPhone, nur anders.”

Die Daten des Palm Pre (Quelle: heise.de)

Die Daten des Palm Pre (Quelle: heise.de)